Neue Texte

 
 
 
Hier erscheinen in unregelmäßiger Folge neu entstandene Texte von mir.

Corona-Gedichte

 © Johannes Balve

 

 

 

Corona City I.

 

Die Stadt, sie ist so anders:

Nicht flieht die Straßenflucht.

Sie ist jetzt da, wie nie,

friedlich, vom Engel überragt,

gesäumt von Abendgrün.

Nach Hause führt der Weg,

zur blauen Blume, nun ganz Kristall.

Es glänzt die Brosche,

verschlossen in Arkaden.

 

 

 

II.

Corona-City II

 

Nicht kreuzen sich mehr

unsre Wege, in dem Raum

herrscht die Distanz der Ängste.

Ich fühle mich als wär ich

unberührbar ohne Not.              

 

 

III.

Corona City III


Muster mit Tiefenschärfe

verwinkeln sich im Raum

und schaffen Kulissen

vor bewegender Weite.

Steinerne Beweglichkeit

berührt mich.

 

 

IV.

Corona City IV.

 

Gekrönte Smileys wutentbrannt

überfahren rote Ampeln

Akkuwarnung, noch 5 Prozent -

bis zum Kollaps.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Haikus

© Johannes Balve

 

 

 

 

I.

Im Schnee am Mittag,

Eiskristalle an Zäunen,

die Sonne geneigt.

 

 

II.

 Verschluckt wird der Laut

in der Kälte des Nordwinds.

Die Tanne im Schnee.

 

 

S.2

 

III.

 So kurz die Tage.

Mit dem knisternden Holzscheit

erhebt sich der Mond.

 

 

IV.

 Die schwarzen Kiefern

recken die Arme zum Mond.

Die Krähe brütet.

 

S.3

 

V.

 Stimmen verstummen

in der Abenddämmerung

während der Heimkehr.

 

 

 VI.

 Im Sommerregen

hinter dem Bambusvorhang

verhallte der Gong

 

 

S.4

 

VII.

Hinter dem Bambus

mischten sich Farben am Haus -

gedämpftes Jauchzen.

 

 

 VIII.

 Wärst du nicht neidisch

auf's Leben,  Herbstzeitlose, 

wärst du nicht giftig.

 

S.5

 

IX.

Im Zimmer daheim

folgte als Kind ich dem Lichte

auf der Tapete.

 

 

 X.

Von Glockenschale

zu Glockenschale rinnt es -

Tropfen im Regen.

 

S.6

 

XI.

Im flackernden Licht:

der Baum verdoppelt im Teich,

vom Wasser bewegt.

 

 

 XII.

Lichtflecken tanzen

auf den Blättern des Baumes.

Leicht rührt sich der See.

 

S.7

XIII.

Vor Dünengräsern

flattert in Himmelsfarben

mittags der Falter

 

 

 XIV.

In Meereswogen

suchen Muscheln Herberge

an alten Pfählen.

Was ist ein Buch?

 

© Johannes Balve

 

 

Was ist ein Buch?

 

  Wissen, Erkenntnis, Erfahrung, gelebtes Leben,

      ein Freund,  ein Gesprächspartner,

         ein Fahrlehrer, ein Überlebender,  ein Unruhestifter,  

             Arbeit, eine Aufgabe, Aufforderung zum Tanz,

                   eine Höhle, eine einsame Insel, eine Hängematte,                 

                       ein Schlafmittel, ein Traumfänger, ein Wecker       

                            eine Verführung, ein Rauschmittel, eine Zeitreise

 

 Ein Buch hat Flügel

 

© Johannes Balve

Der Maskenträger

© Johannes Balve


Johannes Balve

Der Maskenträger

Herr Krause - eigentlich Herr Professor Dr. Krause - wurde als Redner zu einer politischen Veranstaltung eingeladen. Das hat einer seiner Freunde, der Bürgermeister der Landeshauptstadt arrangiert. Und Krause freut sich, wieder einmal seinen Wirkungskreis zu vergrößern, eine willkommene Abwechslung zum provinziellen Klima seiner etwas abgelegenen Uni. Sich gelegentlich in Politik einzumischen macht nicht nur Spaß, sondern ist auch nützlich, vor allem für die einflussreichen Netzwerke. Es ist eigentlich eine Gegenveranstaltung zu denen, die immer häufiger auf der Straße stattfinden, den aufflammenden Protesten unbelehrbarer Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikaler. Eine leichte Herausforderung für Krause, dem es nicht schwerfällt, zu fast allen Themen Gewichtiges beizusteuern. Den geplanten Vortrag über die Ethik des Maskentragens versteht er denn auch als eine Mission, denn irgendwie muss dem sich verbreiteten Trend der Unvernunft entgegengesteuert werden. Früher hatte sich Krause auch schon mal an Gegendemonstrationen beteiligt, aber aus dem Alter ist er ‘raus, und außerdem muss er auf seine Gesundheit achten. Man muss mit Vernunft und Besonnenheit den Wirrköpfen auf der Straße begegnen. Am besten, man holt sie von der Straße und das ist der Zweck dieser Veranstaltung. Dafür wurde eigens die große Halle eines öffentlichen Gebäudes organisiert. Hier soll alles unter strengster Einhaltung der Hygieneregeln stattfinden. Natürlich kann nur eine begrenzte Zuhörerschaft zugelassen werden. Mund-Nasen-Maske ist Pflicht und natürlich Abstand.

Während die ersten Besucher den Saal betreten und sich auf die auseinanderliegenden Plätze verteilen, tauscht sich Krause noch mit dem Bürgermeister aus, der die Veranstaltung eröffnen wird. Man spricht über dies und jenes, über die Einschränkungen im öffentlichen Leben, über das Wohlbefinden der eigenen Familien. Als dann der Saal halbwegs voll ist, geht der Bürgermeister ans Mikrophon, nimmt seine Maske ab und stellt Herrn Professor Dr. Krause als wichtigen Sozialwissenschaftler und Politologen vor, der jetzt als engagierter Bürger einiges zur Ethik der Hygiene in Corona-Zeiten sagen möchte. Denn das sei angesichts der Unwissenheit der meisten Menschen, die jetzt draußen demonstrierten, angesagt. Krause beginnt mit einer kurzen Betrachtung der gesundheitlichen Gefährdung und nimmt Bezug auf unterschiedliche gesellschaftliche und politische Reaktionen. Etwas irritiert nimmt er eine Geräuschkulisse wahr. Offenbar wälzt sich die Demonstration gerade an ihrem Gebäude vorbei. Man hört schrille Sprechchöre und dumpfe Trommelschläge. Krause geht näher an das Mikro ‘ran und kommentiert in beruhigendem Ton: „Nur eine kleine uneinsichtige Minderheit!“ Er ist sich gewiss: Die Mehrheit der Bevölkerung ist vernünftig und diese Mehrheit repräsentiert er jetzt. Dann fährt er unbeirrt fort, die verschiedenen Aspekte der ethischen Thematik zu entwickeln. Dabei berauscht ihn geradezu die Schönheit und Einfachheit seiner Gedanken-Architektur: Die tragenden Pfeiler dieses Ideengebäudes sind das soziale Verhalten, die persönliche Verantwortung und das aufgeklärte Denken. Er bezieht sich auf historische Persönlichkeiten, die die Menschen vor langer Zeit von Aberglauben und Unwissen befreit haben und entwickelt die Ideen eines aufgeklärten Humanismus.  Während er spricht, lässt er seinen Blick über die Zuhörer schweifen und erahnt trotz der vorschriftsmäßig mit Masken vermummten Gesichter viel Wohlwollen und Zustimmung. Nur eine Person irritiert ihn. Der Mann hat offenbar nicht gemerkt, dass ihm die Maske von der Nase gerutscht ist und er befindet sich ausgerechnet direkt vor ihm. Krause lässt es sich nicht nehmen, seinen Vortrag kurz zu unterbrechen. „Das ist eine Mund Nasen- und keine Kinn-Maske“, belehrt er den Mann, woraufhin gedämpftes Lachen im Publikum vernehmbar wird. „Sie könnten Corona haben, ich könnte Corona haben. Einer von uns könnte den anderen anstecken, wenn nicht die Vernunftregeln eingehalten werden.“ Der Betroffene rückt seine Maske schnell wieder zurecht.
Krause fährt fort: „Wir wollen für alle doch das Beste. Wir wollen, dass alle überleben, und für jeden Corona-Kritiker sage ich noch einmal deutlich. Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben.“
Der Zuhörer sagt etwas, das Krause nur halb versteht, weil dessen Maske als Schalldämpfer wirkt.
Krause zu ihm gewandt: „Sie fragen nach den Gründen?“ Der Zuhörer nickt. Krause richtet sich auf und lächelt in die Runde: „Danke für das Stichwort. Das Recht auf Leben und Unversehrtheit leitet sich aus der Vernunft ab, nicht etwa aus höheren Wahrheiten, wie manche meinen. Weil wir alle vor dem Gesetz gleich sind, haben wir alle die gleichen Rechte aufs Leben. Und wenn diese Gleichheit einmal in Gefahr ist, dann muss das korrigiert werden. Um bei unserem Beispiel zu bleiben, der Stärkere steckt den Schwächeren an und der muss daran vielleicht sterben. Ist das etwa human? Weil die Natur nicht human ist, machen wir Humanisten sie human. Das Virus kriegen wir in den Griff, wir schaffen das, aber natürlich nur gemeinsam.“ Es wird plötzlich laut im Saal. Krause hält inne. Durch die Tür sind einige Personen hereingekommen. Die Saalwächter diskutieren mit ihnen. Einige tragen keine Masken. Einer von ihnen in Hippie-Kleidung hält ein Schild hoch, auf dem in bunten Buchstaben „Freiheit“ steht. Während die Gruppe von dem Wachpersonal herausgedrängt werden, hört man noch Rufe: „Schließt euch uns an ...“. Als wieder Ruhe eingekehrt ist, kommentiert Krause belustigt den Vorfall: „Na. Da haben wir gerade gesehen, was Freiheit nicht ist.“ Einige Leute lachen. Und dann schließt Krause noch einmal den weiten Bogen von den französischen Aufklärern über Kant und die Materialisten bis hin zu den klaren und verantwortlichen Denkern der Gegenwart, zu denen er sich heimlich auch zählt und endet mit einem Appell an die Vernunft, an ein verantwortliches Miteinander im Sinne des kategorischen Imperativs und an den Widerstand gegen wissenschaftsfeindlichen Populismus. 

Nachdem er geendet hat, kommt der Zuhörer in der ersten Reihe auf ihn zu. Offenbar hat er noch Fragen. Krause nickt ihm zu und setzt sich die Maske auf.

„Schießen Sie los!“

„Können Sie mir noch mal die Sache mit dem kategorischen Imperativ erklären?“

Krause gibt ihm mit Handzeichen zu verstehen, Abstand zu halten, versucht dann zu lächeln. Als ihm bewusst wird, dass seine Maske diese freundliche Geste verbirgt, versucht er mit den Augen freundlich zu zwinkern. „‘Kategorischer Imperativ‘ stammt von dem Philosophen  Kant. Einfach gesagt: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. So funktioniert unsere humane Gesellschaft. Alle müssen daran mitarbeiten.“

“Warum? Weil es Kant gesagt hat?“

„Nein, weil wir dazu verpflichtet sind.“

„Und warum sind wir das?“

„Wir sind Humanisten. Nun das habe ich eben versucht zu erklären.“ Er stockt für einen Moment. „Bitte, seien Sie doch vernünftig, die Regel lautet: zwei Meter Abstand.“

Der Mann weicht zurück. „Entschuldigung! Aber anderen nicht schaden zu wollen, ist doch auch ein christlicher Gedanke?“

Krause stutzt für einen Moment: „Eigentlich nicht. Denn der Gedanke hat nichts mit Glauben und höheren Wahrheiten zu tun. Denken Sie doch nur mal daran, wohin das Glauben in der Geschichte schon geführt, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen und heute sexueller Missbrauch von Minderjährigen.“
Der Mann will etwas erwidern, doch Krause fährt fort: „Schon gut, ich meine ja nicht das aufgeklärte moralische Christentum. Ich meine den unaufgeklärten Katholizismus. Aber der spielt ja kaum noch eine Rolle, jedenfalls nicht bei den vernünftig denkenden Leuten.“

Der Mann protestiert: „Mitleid und Nächstenliebe sind doch ein christlicher Grundsatz.“

Krause wiegt den Kopf: „Aber schauen Sie sich doch mal die Praxis an. Was wird davon umgesetzt. Wo ist die Verantwortungslosigkeit gegenüber den Mitmenschen momentan am Größten?“ Nach einer rhetorischen Pause fährt er fort: „In den katholischen Ländern, in Italien, Spanien und Frankreich und bei uns im katholischen Nordrheinwestfalen und Bayern. Dort steckt man sich gegenseitig an und dann kommt das dicke Ende. Erinnern Sie sich noch an die Bilder aus Norditalien?“

„Das war furchtbar“, pflichtet der Mann bei.

„Ist das nun Zufall? Da ist einfach weniger Verantwortung. Leider hat diesen Kranken ihr angebeteter Gott genauso wenig geholfen wie Jesus, den sie ans Kreuz genagelt haben. Aber lassen wir das mit dem Glauben. Das führt nicht weiter.“

Doch der Mann beharrt: „Aber es haben in Italien viele geholfen und es gab sogar einen Pfarrer, der jemandem sein Beatmungsgerät gab, obwohl er selber krank war.“

„Ja, davon habe ich gehört. Leider ist er elendig umgekommen. Vielleicht glaubte er, dass er in den Himmel kommt. Das ist einfach nicht der richtige Ansatz, dass wir uns alle aufopfern. Das müssen Sie verstehen. Man muss das alles in den Griff bekommen. Das klappt hierzulande nun mal besser.“
Er tritt einen Schritt zurück: „Ich mein es nicht böse. Denken Sie an die zwei Meter.“ Nach einem gutmütigen Brummen: „ Ja das ist vielleicht auch ein Vorteil unserer aufgeklärteren Welt: Wir haben eine natürliche Distanz zum Anderen.“

Der Mann macht eine entschuldigende Handbewegung, lässt aber nicht locker. „Und woran glauben Sie?“

Krause gefällt die Wendung des Gesprächs nicht besonders. Er schaut kurz auf die Uhr und zu seinem Politiker-Freund. Aber der unterhält sich auch noch mit verschiedenen Personen.  Also fährt er geduldig fort: „Woran ich glaube? An die Vernunft und an das Gute wie alle Humanisten. Wir glauben aber nicht an ein Leben nach dem Tod, wenn Sie das meinen.“

„Aber was kommt danach?“

Krause seufzt: „Einfach nichts! Wir sind dann nicht mehr da.“

„Aber sind wir für das, was vielleicht nach uns kommt, nicht verantwortlich? Ich meine unsere Nachkommen.“

„Ja das ist natürlich ethisch wünschenswert, wenn wir an sie dächten, solange wir leben.“

„Und wenn wir es nicht tun?“

„Dann verletzen wir die ethischen Grundsätze.“

„Und welche Konsequenzen hat das dann?“

Krause wird etwas ungeduldig. „Jetzt kommen wir aber weit ab von unserem Thema. Eigentlich hat es keine Konsequenzen. Wir sind ja nicht mehr da. Aber weil wir gute Menschen sind, handeln wir ethisch aus Prinzip.“

„Und soll das Prinzip für alle gelten?“

„Die Humanisten halten sich daran. Aber wir sind ja keine geschlossene Gruppe.“ Er schaut den Mann aufmunternd an.  „Jeder kann oder sollte Humanist werden.“

„Und wer das nicht will, weil er andere Überzeugungen hat?“

„Diese Leute müssen überzeugt werden. Das habe ich ja hier bei dieser Veranstaltung versucht.“

„Sie wollen die anderen bekehren?“

„So kann man das nicht sagen. Ich will alle und auch Sie dazu bringen, sich an Hygieneregeln zu halten.

„Schon gut, ich trage ja eine Maske. Ich will niemandem schaden.“

Krause beschwichtigend: „Na, dann kommen wir ja zu demselben Ergebnis, auch wenn Sie mit dem Humanismus anscheinend nicht viel anfangen können. Für die anderen Maskenverweigerer brauchen wir aber Vorschriften oder Gesetze. Dafür sind Politiker wie mein Kollege da.“ Er weist auf seinen Freund. „Natürlich wollen wir keine Strafen, sondern dass die Menschen das selbst verstehen und mündig werden.“

„Und wer bestimmt, was „mündig werden“ heißt?“

„Die Aufklärer.“ Krause wird jetzt etwas ungeduldig, zumal seinem Gegenüber schon wieder die Maske etwas runtergerutscht ist.

„Entschuldigung ich hab‘s nicht gemerkt.“

„Kann passieren. Ich will Sie auch nicht belehren, aber hier geht es auch um Selbstbeherrschung. Wissen, Sie, Selbstbeherrschung ist ein Weg zu einem glücklichen Leben. Das heißt, immer die Regeln im Sinn behalten.“

Doch der Mann lässt nicht locker: „Wenn ich nach Regeln handele, dann bestimme ich das doch nicht selbst. Dann wäre ich auch nicht mündig.“

„Doch, wenn Sie sich das allgemeine Gesetz zu eigen machen. “

„Ich bin kein Philosoph, nur ein ganz einfacher Bürger. Aber Selbständigkeit verstehe ich anders. Ich habe einmal gelernt, dass es darauf ankommt selbstbestimmt und nach seinem Gewissen zu handeln.“

„In der Schule?“

„Ja, auf einem humanistischen Gymnasium.“

„Dann kennen Sie doch Kant und Marx und Feuerbach?“

„Nur etwas. Wir haben uns mit den Römern und den alten Griechen beschäftigt.“

„Na immerhin mit der Vorstufe unseres heutigen Wissens. Nehmen wir Karl Marx. Er war nicht nur Aufklärer, sondern wollte auch mit der Aufklärung die Lebensverhältnisse der ausgebeuteten Menschen verbessern, wollte sie von ihrer Abhängigkeit befreien. “

„Kennen Sie den Unterschied zwischen Freiheit von etwas und Freiheit zu etwas?“

 Krause braucht einen Moment, um seine Fassung wiederzufinden. „Freiheit im verantwortlichen Sinne bedeutet, freiwillig Regeln anzunehmen.“  

„Aber bedeutet ‚freiwillig‘ nicht auch, dass man sich gegen die Regeln entscheiden könnte?“

„Das wäre aber verantwortungslos! Man sollte immer so handeln, dass man anderen nicht schadet.“

„Wenn verantwortlich handeln heißt, dass wir nach Regeln handeln, dann übernehmen wir doch gar keine Verantwortung, sondern die Regeln übernehmen sie.“

Krause verliert langsam die Geduld, aber er ist dem Mann noch eine Antwort schuldig. „Nein, ich übernehme die Verantwortung durch Einhaltung der Regeln.“

Der Mann hebt ratlos die Arme: „Das verstehe ich nicht - und was verstehen Sie dann unter Freiheit?“

Krause nunmehr etwas entspannter: „Kommen wir mal auf den Boden. Wir leben in einer Gesellschaft mit vielen persönlichen Freiheiten, ich kann entscheiden, was ich esse oder trinke – Fleisch, vegan, Bier, Wein oder mit wem ich zusammenlebe, mit einer Frau oder einem Mann usw..“

„Und nach welchen Prinzipien entscheiden Sie sich dabei?“

„Na, das ist doch meine Privatangelegenheit. In der Regel entscheidet man doch danach, was einem gefällt.“

„Also nach dem Lustprinzip oder?“

„So habe ich das nicht gesagt. Jeder entscheidet sich doch für das, was ihm am meisten bringt, solange es anderen nicht schadet.“

 „Wenn Sie der Priester gewesen wären, Sie wissen schon, der in Italien, dem seine Gemeinde ein Beatmungsgerät gespendet hatte, würden Sie es auch jemandem geben, der es genauso dringend benötigte?“

Krause jetzt etwas verärgert: „Jetzt kommen Sie wieder damit.“

„Würden Sie es selbst nutzen?“

„Wenn es meins wäre, stünde es mir doch zu, oder?“

„Ja, aber Sie würden dann den Tod des anderen Menschen in Kauf nehmen.“

„Ja, was erwarten Sie denn?“

„Sie haben doch eben noch gesagt, Sie würden sich alles nur nehmen, solange es anderen nicht schaden würde.“

Krause sichtlich verärgert: „Na das sind jetzt aber Spitzfindigkeiten! Bei uns gibt es genug Atemgeräte. Wir haben eben vorgesorgt. Wenn das in anderen Ländern wie im katholischen Italien nicht klappt, dann können doch wir nichts dafür.“

„Aber die brauchen doch erst mal Hilfe.“

„Natürlich wollen wir helfen, weil wir für alle Menschen das Beste wollen.“ Er zögert ein wenig. „Solange man das kann und die Hilfsgüter nicht auch bei uns knapp werden. Sie wissen ja, die Masken und Schutzanzüge für das medizinische Personal.“

„Hilfe kann also nur gewährt werden, solange es einem selbst gut geht. Wenn es aber allen schlecht geht?“ Der Mann macht wieder eine Vorwärtsbewegung.

Krause jetzt am Rande einer Verstimmung: „Nun halten Sie aber mal Abstand!“

„Entschuldigung, das ist mir irgendwie anerzogen worden, Menschen nahe zu kommen.“

„Das könnte sich bei Ihnen rächen. Seien Sie froh, dass wir noch genug Masken haben.“

„Es soll aber bald wieder Lieferschwierigkeiten mit Masken und Desinfektionsmitteln geben. Dann würde unsere Regierung wieder verhindern, dass vorhandene Reserven nach Italien geschickt werden.“

Krause mürrisch „Das kann schon sein.“  

„Das haben Sie ja auch eben gerechtfertigt. Hilfe kann man nur gewähren, solange es einem selbst gut geht.“

Krause brummt unwillig: „Wenn wir diese Dinge brauchen, dann können wir sie eben nicht abgeben. Alles nur Spekulation!“ Er kramt nervös in seiner Jackentasche, atmet dann etwas erleichtert auf.

„Sie haben noch ein paar Reservemasken?“

„Ja, Gott sei Dank!“

„Sie danken Gott dafür?“

Krause muss jetzt lachen: „Ein Punkt geht an Sie! Also sagen wir ab jetzt: Schwein gehabt.“

Krause sieht sich um. Der Saal ist schon leer. Er wünscht seinem Gesprächspartner noch „Bleiben Sie gesund“ und geht zu seinem Freund, dem Bürgermeister, der schon etwas ungeduldig wirkt. Die Hilfskräfte sind schon mit dem Aufräumen beschäftigt. Für Krause ist das fruchtlose Gespräch abgehakt. Eine lästige Begegnung, die aber für seine berufliche noch gesellschaftliche Position völlig unbedeutend ist. Die Veranstaltung ist ja gut gelaufen.

Der Bürgermeister bietet Krause an, ihn in seinem Dienstwagen noch zum Bahnhof zu bringen. Endlich ohne Maske machen sie es sich auf dem Rücksitz gemütlich. Man ist ja jetzt unter seinesgleichen. Man tauscht sich angeregt über dies und jenes aus, auch über Treffen mit anderen wichtigen Personen. Anekdoten werden zum Besten gegeben. Eine davon ist die von dem schrägen Vogel mit der verrutschten Maske. Endlich darf auch mal wieder herzhaft gelacht werden.

Einige Tage später, Krause sitzt mit Kindern und Frau beim Abendessen zusammen, klingelt sein Handy. Er geht ran. Es ist sein Freund, der Bürgermeister. Das Gespräch ist kurz. Der fragende Blick seiner Frau zwingt Krause zu einer Erklärung: „Ich muss leider für zehn Tage in Quarantäne.“